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Muße und Diskurs ermöglichen!

Was ist das Denkkollektiv?

Das Denkkollektiv ist ein vom Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft der RWTH Aachen University und der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Olten/Schweiz organisierter Verbund von Forschenden. Es begreift sich als ein kreativer Ort, der auf die Öffnung neuer Betrachtungs- und Handlungsmöglichkeiten der Erziehungswissenschaft und Pädagogik zielt. Neuheit meint hier die Ermöglichung einer produktiven Verschiebung des Blicks, um Raum für offenes Denken und einen interdisziplinären Resonanzboden entstehen zu lassen.

Konkret bedeutet dies, dass sich eine jährlich wechselnde Gruppe von 10-15 Wissenschaftler*innen für zwei Tage in Aachen trifft und gemeinsam intensiv an einem Thema arbeitet. Wir wollen in Muße und im Diskurs in die thematische Tiefe eintauchen und einen ergänzenden Rahmen für gemeinsame Forschung anbieten, der nicht durch die mittlerweile üblichen Zeitregimes, wie in Fachtagungen, eingegrenzt wird.

Die Teilnehmenden entwickeln ihre eigenen Sichtweisen auf das Thema weiter und veröffentlichen im Anschluss an die zweitägige Veranstaltung einen eigenen Beitrag im Rahmen eines gemeinsamen Sammelbandes. Die zentralen Ergebnisse der Tagung werden auf der Webseite des Denkkollektivs veröffentlicht.

Mythos Reflexion?

Informationen zum Denkkollektiv vom 25.-26. Februar 2021 mit dem Thema

„Mythos Reflexion? – Wie die Pädagogik das Normative der Reflexivität erzählt und verhandelt“

Thema des Denkkollektivs 2020

„Mythos Reflexion?“

Arbeitsformate

3 Schritte

Teilnehmende

Warum ich am Denkkollektiv teilnehme

Das Thema des Denkkollektivs 2021: „Mythos Reflexion?“

Reflexion wird für professionelles pädagogisches Handeln als zentral angesehen. Das Reflektieren über diese Reflexivität ist derzeit innerhalb der Erziehungswissenschaft und Sozialen Arbeit en vogue, dies zeigt die Verankerung von Reflexionsansprüchen in Studienordnungen und bildungspolitischen Vorgaben ebenso wie die Vielzahl von Forschungsprojekten, Veröffentlichungen und Tagungen rund um Reflexion und Reflexivität. Was bedeutet diese hohe Präsenz der Reflexion für die Disziplin der Erziehungswissenschaft?

Ist Reflexion in Teilen zu einem Mythos geworden, weil sich viele, auch nicht einlösbare Versprechen in den fachlichen Auseinandersetzungen über Reflexivität im Kontext des professionellen Handelns finden lassen? Werden Zukunftserwartungen und Formate von Reflexivität im Kontext von Professionalisierungsprozessen unhinterfragt gesetzt, nicht in ihrer Normativität benannt, wie dies exemplarisch an folgenden Formulierungen deutlich wird?

  • Lehrer*innen müssen ihr eigenes Unterrichtsverhalten reflektieren können“. – Ok. Und wenn sie es tun, dann bedeutet das was genau?
  • In der Bezugspersonenarbeit muss ich wissen, wie ich auf die Klienten wirken (kann)“ – sonst passiert was?
  • Studierende müssen ihre Lernprozesse reflektieren können, sonst unterrichten sie starr und unflexibel“ – warum ist Flexibilität eigentlich so wichtig?

Wir können uns vorstellen, im Sinne Roland Barthes, zu Mythenleser*innen zu werden, also zu entziffern, was genau Reflexion als Mythos verbiegt, was deformiert wird (Barthes 1957/2016; auch Wulf 1985). Wir wollen andererseits untersuchen, inwiefern sich Reflexion als „wirksame Fiktion“ (Jeanne Hersch) gestaltet. Was ist im Mythos versöhnt und erscheint sonst unversöhnlich? Welches sind ihre Elemente und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wie entwickelt sie ihre Wirksamkeit? Worin besteht die Fiktion? Inwiefern ist der Mythos Reflexion als symbolische Ausdrucksform notwendigerweise uneindeutig? Was ermöglicht und was verhindert Reflexion als Mythos? Welche Geltungsansprüche und normativen Setzungen werden vorgenommen?

Die RWTH Aachen und die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW wollen mit dem Format des Denkkollektivs in Ergänzung zu anderen Tagungsformaten einen Denkraum schaffen, der in Muße und im Diskurs ein gemeinsames Räsonieren über diese Fragen ermöglicht.

Arbeitsformate

Schritt 1

Erstellen eines Arbeitspapiers

Die Teilnehmenden reichen vor der Tagung ein max. 2-3 seitiges Arbeitspapier ein, in dem die Notwendigkeit, Problematik oder die Widersprüchlichkeit von Reflexion/Reflexivität skizziert sind. Die Vorgaben für das Arbeitspapier sind bewusst sehr offen gehalten. Sie können ihre Position zum Thema Reflexion darstellen. Problemlagen, Stärken, historische Entwicklungen oder diskursive Linien können zum Ausdruck gebracht werden. Wichtig ist, dass wir im Rahmen der zwei Tage des Denkkollektivs in kleinen Gruppen mit Hilfe der eingereichten Arbeitspapiere ins Gespräch kommen können. Die thematische Richtung des Gespräches am ersten Tag ist nicht definiert – wir werden sehen, wohin sich der thematische Diskurs bewegen wird. Die eingereichten Arbeitspapiere sollen lediglich ein Startpunkt für das gemeinsame Räsonieren sein.

Teilnahme am Denkkollektiv vom 25.-26. Februar 2021 in Aachen

Schritt 2a

Der erste Tag des Denkkollektivs dient dazu, die von den Teilnehmenden jeweils eingereichten Arbeitspapiere in parallel stattfindenden Kleingruppen zu diskutieren. Durch die Doppelrolle sowohl Produzent*in und Diskutant*in zu sein, wollen wir konstruktive-kontroverse Gespräche und Diskurse ermöglichen. Das Hinterfragen und Ineinanderschieben der eingebrachten Perspektiven soll dazu dienen, eigene Positionen bestätigen, sie an aufkommenden Differenzlinien vertiefen, schärfen bzw. bisher „blinde Flecken“ ausleuchten und ggf. neue Perspektiven aufnehmen zu können.

Am zweiten Tag werden die Fragen und Perspektiven der Kleingruppen gemeinsam diskutiert, vertiefende und weiterführende Fragestellungen erarbeitet sowie Leer- und Bruchstellen der Diskussion in den Blick genommen: zum einen im Hinblick auf einen Sammelband als Ergebnis des Denkkollektivs und zum anderen bezogen auf weitere Formen der diskursiven Bearbeitung der Thematik im und über das Denkkollektiv hinaus.

Schritt 2b
Schritt 3

Veröffentlichung eines Sammelbandes

Die Impulse des Denkkollektivs können die Teilnehmenden aufgreifen und hierdurch ihre Position weiterentwickeln. Der vom Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft der RWTH (Tim Unger) und der FHNW (Stephan Kösel) organisierte Sammelband, der wahrscheinlich im Verlag Barbara Budrich veröffentlicht wird, gibt Raum für die Weiterentwicklung der eigenen Beiträge. Das genaue Thema bzw. die Perspektivlinien des Sammelbandes werden am zweiten Tag des Denkkollektivs gemeinsam festgelegt.

Wer wir sind

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Tim Unger
Gegen blinde Routine hilft ein wachsames Auge, gegen träges Wissen ein suchender Geist. (frei nach Georg Hans Neuweg)
Stephan Kösel

Prof. Dr. Stephan Kösel, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, CH-Olten

Da ich in meiner 14jährigen Arbeitserfahrung als Sozialpädagoge und Erwachsenenbildner nicht nur verschiedene «Erzählungen», sondern auch naive «Heilserwartungen» an das anspruchsvolle Geschäft der Reflexion kennen gelernt habe, treibt mich seit meiner Dissertation im Jahr 2005 zur dualen Berufsausbildung zwei Fragen besonders um

Wie stehen Theorie und Praxis, Wissen und Handeln im Verhältnis und wie kann diese Spannung produktiv für eigene Professionalisierungsprozesse genützt werden?

Dies tue ich seit 2012 an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW u.a. im BA-Studium in Kasuistik-Modulen, in der Begleitung der zwei Praxissemester der Studierenden und in der 15-tägigen Weiterbildung ihrer sogenannter Praxisausbildenden, die zwischen den Lernorten Hochschule und Praxisorganisation als «intermediäres Bildungspersonal» (Kösel 2019) fungieren und die Pendelbewegungen der Studierenden zwischen diesen begleiten.  Ebenso im Projekt «Connect», bei dem wir Tandems aus wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Praxisexpert*innen für ein Jahr zusammen führen und sie sich durch gemeinsames Arbeiten im Sinne des «boundary crossing» ihre Wissens- und Erfahrungsgrenzen und damit neue Reflexionsthemen gegenseitig konstruktiv vor Augen führen.

Welche Methoden können für solche «Connectivity-Anlässe» fruchtbar gemacht werden?

Es fasziniert mich, Methoden für die praktische Theorie-Praxis-Relationierung wie den «Wissenskamm» oder den «Re-Frame» zur Fallrekonstruktion selbst zu entwickeln (Kösel 2019) oder klassisch rekonstruktive Ansätze wie die kognitiven Figuren der Stegreiferzählung (Schütze 1984) so zu adaptieren, um situative Erfahrungsaufschichtung in den Fokus zu rücken. Ebenso baue ich in der Methodenentwicklung auf den Konzepten der Intuitions- und Affektforschung (Harteis 2013/Ciompi 2010) auf, um Bewertungs- und Entscheidungsverhalten in den kontingenten Handlungsfeldern Sozialer Arbeit zum Reflexions- und Lerngegenstand von Professionalisierungsprozessen machen zu können.

Um mit Dewe (2012) zu sprechen: Es geht darum, nicht ein vermeintliches Rationalitätsgefälle von (besserer) Theorie zu (zu verbessernder) Praxis zu bearbeiten. Sondern vielmehr deren unüberwindbare Verschränkung und gegenseitige Bereicherung für Professionalisierungsprozesse berichtbar und gestaltbar zu machen. Was gibt es da Spannenderes, als dies auch im Format des Denkkolletivs mit zugemutet ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und langjährigen Weggefährten wie Tim Unger und Sabine Hering zu tun!

Man kann es nicht besser ausdrücken: „Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
Tim Unger

Prof. Dr. Tim Unger, RWTH Aachen University, Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft

Meine Arbeitsschwerpunkte liegen in der (Berufs-)Bildungstheorie, der qualitativen Forschung zum professionellen pädagogischen Handeln und der Erforschung von Meditation, Achtsamkeit und Mitgefühl in der Lehrer*innenbildung. Aktuell setze ich mich mit diesen Themen auseinander:

Wie bewältigen Schulen Innovationserwartungen?

Seit einigen Jahren steigt die Anzahl derjenigen Schulen, die sich als Institution Schule konstruktiv weiterentwickeln möchten. Warum tun sie das? Wie verlaufen Innovationsprozesse an Schulen? Warum geraten sie ins Stocken bzw. wie verändern sie die schulische Realität? Und vor allem: Wie müssen sich Menschen in Schule als Subjekte entwerfen, damit sie Innovationen durchsetzen können? Inwieweit verändert sich hierdurch der Strukturkern des professionellen Handelns?

Bildung und Buddhismus?

Achtsamkeit ist en vogue. An vielen Universitätsstandorten entstehen Einrichtungen und Bildungsangebote rund um Meditation und Achtsamkeit. Auch an meinem Lehrstuhl in Aachen! Mich interessiert, was es eigentlich für den Begriff und den Anspruch auf Bildung bedeutet, wenn die hinter den in der Gegenwart adaptierten Praktiken der Achtsamkeit stehenden buddhistischen Lehren berücksichtigt würden. Wie könnte sich z.B. unser Bildungsdenken verändern, wenn Identität wie im buddhistischen Kontext als substanzlos begriffen wird? Um was für Qualitäten der Erfahrung geht es eigentlich in „buddhistisch ausgerichteten“ Lernprozessen in bildungstheoretischer Sicht?

Mein Interesse am Denkkollektiv rührt einerseits aus vielen positiven Erfahrungen, die ich in kleinen intensiven Arbeitsgruppen sammeln konnte – wie zum Beispiel dem Bildungskonzil in Österreich, an dem ich als wissenschaftlicher Leiter beteiligt bin. Hinzu kommt, dass ich mit dem Ablauf der großen Fachtagungen in meiner Disziplin in dem Punkt nicht zufrieden bin, dass Vorträge eigentlich zu selten wirklich diskursiv behandelt werden. Ich habe hier den Eindruck gewonnen, dass das Zeit- bzw. Diskussionsregime oftmals hinderlich ist, um gemeinsam räsonieren und einer Sache auf den Grund gehen zu können.